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  • Roland Spitzegger

FRIDGE HIRING: ODER WARUM MAN SUCHT, WAS MAN NOCH GAR NICHT BRAUCHT.



Die Erfindung des Kühlschranks hat der Menschheit zweifellos große Vorteile verschafft. Plötzlich konnte man lebenswichtige Dinge auf Vorrat kaufen, ohne Angst haben zu müssen, dass man das Bier später warm trinken müsste. Am Arbeitsmarkt ist zunehmend das gleiche Prinzip zu beobachten: Vorausschauende Unternehmen legen frische Talente auf Eis, die man im Moment noch gar nicht braucht, um sie dann zu haben, wenn es soweit ist. Was steckt hinter den Mechanismen des Fridge-Hiring, welche Vorteile ergeben sich daraus für wen und kann man Talente überhaupt sinnvoll konservieren – oder ist das ethisch fragwürdiges, eiskaltes Kalkül und alles andere als wertschätzend?


Das ganze Szenario spielt sich vor dem Hintergrund eines Arbeitnehmer-Marktes ab, in dem der vielzitierte War for Talents schon seit Längerem tobt. Arbeitgeber ahnen schon jetzt, dass der Fachkräftemangel ansteigen wird und die besten, gut ausgebildeten Talente mit wichtigen Hard und Soft Skills schnell vergriffen sind, in Zukunft aber wichtig sein werden. Wer Sicherheit will, fängt also frühzeitig mit dem Hamstern an.


Die Vorteile

Die Auswahl der Talente erfolgt aber nicht wahllos, auch wenn Personalmangel herrscht und die Lage sich künftig wegen des demografischen Wandels verschlechtern könnte. Unternehmen konzentrieren sich vor allem auf junge, talentierte Nachwuchskräfte (Einsteiger) und Arbeitnehmer mit Erfahrung (mittleres Karrierelevel), besonders aus den Bereichen HR, IT und Sales. Das bedeutet vor allem für Berufseinsteiger der Generation Z, dass sie gute Chancen auf einen Arbeitsplatz ihrer Wahl haben. Aber auch erfahrene Fachkräfte, die bis zu fünf Jahre Arbeitserfahrung mitbringen, können sich bei Bedarf nach neuen Arbeitgebern mit attraktiveren Konditionen umschauen.

Es locken aber noch weitere Vorteile: Strikte Aussortierungen von Bewerbern erfolgten vor einigen Jahren noch besonders rabiat, wenn es z. B. keine passende Stelle für jemanden gab oder Bildungsabschlüsse als „zu niedrig“ bewertet wurden. Heute ist vielerorts ein Umdenken auszumachen und es wird eher als Nachteil gesehen, Bewerber, die nicht in ein bestimmtes Raster passen, schonungslos und vor allem zu schnell auszusortieren.


Auch nicht zu unterschätzen: Überarbeitetes Personal bekommt Unterstützung. In vielen Branchen herrscht Personaldefizit, das angestellte Arbeitnehmer oft durch Mehrarbeit und Überstunden ausgleichen müssen. „Gefridgte“ Mitarbeiter können neue Kollegen bei der Entlastung helfen und profitieren zugleich davon, die Strukturen im Unternehmen und verschiedene Bereiche kennenzulernen, sich im Unternehmen zu vernetzen und andere Abteilungen zu unterstützen – selbst wenn diese ihrem Fachgebiet nicht unbedingt zu 100% entsprechen, zumindest aber nahe sind.


Das volle Potenzial eines Arbeitnehmers entfaltet sich oft erst, wenn dieser die Chance bekommt, ohne Druck anzukommen und Fähigkeiten neu zu entdecken oder auszubauen. Manchmal kommen neue Skills zum Vorschein, die in speziellen Positionen hilfreich sein können. Dank Fridge Hiring haben sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer die Möglichkeit, Chancen und Wege auszuloten, um so zusammenzuarbeiten, dass ein Mehrwert für beide Seiten entsteht. Angestellte genießen Entwicklungsspielraum und Unternehmen wirken dem Personaldefizit sinnvoll entgegen.


Was es zu berücksichtigen gilt

Fridge Hiring ist weit mehr als nur eine Methode der Personalsuche – es ist eine strategische Herangehensweise, die eine sorgfältige Planung und Umsetzung erfordert. Sie unterscheidet sich im Wesentlichen nicht vom klassischen Recruiting Prozess, legt aber einen starken Fokus auf die Analyse des Personalbedarfs und dem offenen Mindset, um alte Anforderungsraster zu verlassen. Außerdem muss allen Beteiligten klar sein, dass die Aufgabe nicht nur den Einstellungsprozess, sondern ganz besonders die Begleitung in der Zeit bis zur finalen Stelle betrifft.


So ist ein guter Onboarding-Prozess als erste Etappe dafür unerlässlich. Dazu müssen alle verfügbaren Ressourcen aktiviert werden – schließlich geht es darum, Hilfe bei fachlichen Fragen und Orientierung sicher zu stellen. Bis Arbeitnehmer im Unternehmen eine geeignete Position finden, müssen also Führungskräfte und das Team die Bereitschaft zeigen, eingestellte Nachwuchskräfte und Personal eng zu begleiten. Auch hier rückt die Mitarbeiterzufriedenheit in den Fokus – mit allem was dazugehört: Wertschätzung, faire Bezahlung, flexible Arbeitszeitmodelle, Entscheidungsspielraum für ein Maximum an Selbstbestimmung sowie entsprechende Führungskompetenzen.


Mögliche Fallstricke

Die proaktive Suche nach Kandidaten auf Vorrat erfordert Zeit, Engagement und Investition. Es kann herausfordernd sein, das talentierte Netzwerk aufzubauen und kontinuierlich zu pflegen, was für kleinere Unternehmen mit begrenzten Ressourcen eine Belastung darstellen kann.

Stichwort Erfolgsmessung: Wenn Erwerbstätige ohne klare Aufgaben und Ziele eingestellt werden, ist es außerdem schwierig, ihre Leistung zu bewerten und sicherzustellen, dass sie tatsächlich zu einem Mehrwert für das Unternehmen beitragen.


Ebenso toxisch ist das planlose Hamstern von potentiellen Mitarbeitenden. Risiken sind dabei vorprogrammiert, allen voran, dass die Mitarbeiterzufriedenheit auf der Strecke bleibt. Gibt es keinen tragfähigen Einarbeitungs- und Besetzungsplan, wird der „Neue“ immer nur von einer Abteilung in die andere versetzt. Das ist äußerst frustrierend und er wird nicht lange bleiben. Daher sind eine ehrliche und umfassende Bedarfsanalyse und eine transparente Kommunikation entscheidend für ein erfolgreiches Fridge Hiring.


Wie bei jedem neuen Trend ist es auch beim Fridge Hiring ratsam, nicht blindlinks auf den Zug aufzuspringen. Wenn hingegen mit Bedacht und strategisch klug vorgegangen wird, wird auch diese Form des Recruitings Früchte tragen und vielleicht über den einen oder anderen Wettbewerbsvorteil entscheiden. Außerdem gilt auch hier die bewährte Entrepreneur-Weisheit: wer Geld verdienen will, muss zuerst Geld in die Hand nehmen, wobei der angepeilte ROI Comittment, Weitsicht, und Ausdauer erfordert. Mit der nötigen Portion Glück geht die Rechnung auf und man kann auf den Erfolg dieser trendigen Recruiting-Strategie anstoßen – zum Beispiel mit einem gut gekühlten Bier.



Gender-Disclaimer

Die auf dieser Website gewählte generisch-männliche Form bezieht sich immer auch auf weibliche und diverse Personen.

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